Überblick zur Anwendung der Periodenrechnung in der EU

Insgesamt betrachtet ist die Situation in Europa bezüglich des Einsatzes der Rechnungsführungssysteme heterogen. Eine von Eurostat 2012 in Auftrag gegebene Studie weist aus, dass die kürzlich beigetretenen Länder eher die Periodenrechnung (accrual accounting) einsetzen als die, die vor 2004 Mitglied wurden. 

Neben Großbritannien haben die nordischen Länder und Frankreich ihr Rechnungswesen bereits reformiert. Ein weiterer Trend laut Studie: die Mehrheit der EU-Staaten auf lokaler Ebene hat die Periodenrechnung bereits etabliert.

Innerhalb der EU wird Großbritannien für einen gelungenen Umstellungsprozess von der Kameralistik (cash accounting) auf eine Periodenrechnung angesehen. Dieser begann im Jahre 2000 und war 2011 abgeschlossen.

Verwendete Rechnungswesensysteme 2012. Quelle: Eurostat: Overview and comparison of public accounting and auditing practices in the 27 EU Member States. Prepared for Eurostat : Ernst & Young, 2012 S. 21.


Auf der Sitzung des IPSAS-Boards im März 2017 wurden die Ergebnisse einer 2016 durchgeführten Befragung zum Stand der periodengerechten Rechnungslegung vorgestellt. Diese Befragung war eine Gemeinschaftsaktion von OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), IFAC (International Federation of Accountants) und der Initiative „Accountability. Now“. Die Auswertung informiert - länderübergreifend wie auch nach einzelnen Ländern ausgeschlüsselt -  über folgende Bereiche:

  • Nur etwas mehr als ein Viertel der 35 OECD-Mitgliedsländer führen die jährliche Haushaltsplanung auf doppischer Basis durch, wenn auch nicht nach einheitlichen Definitionen
  • Etwa dreiviertel der Staaten setzen Formen der Doppik in der rückblickenden, jährlichen Rechnungslegung ein. Dabei ist die direkte Übernahme von Accounting-Standards wie IFRS oder IPSAS jedoch selten.  In den Bilanzen werden Informationen zu Aktiva in großem Ausmaß bereitgestellt, bei den Passiva fehlen jedoch in etlichen Ländern Angaben zu wichtigen Bilanzpositionen Public-Private-Partnerships (PPP) oder Pensionsrückstellungen. Auch konsolidieren nur etwa 15% der Mitgliedsländer staatliche Unternehmen und verschiedene Staatsebenen im Stil einer „Konzernbilanz“.
  • Die meisten Länder haben die jeweils geplanten nationalen Reformen im Großen und Ganzen abgeschlossen. Dabei wurden in der Regel Transparenzziele erreicht, nicht jedoch unbedingt auch Wirkungs- und Lenkungsziele: beispielsweise nutzen nur wenige Länder den doppisch ermittelten Aufwand auch zur Performancemessung. Ziel ist daher nun regelmäßig, die Rechnungslegungsberichte nutzerfreundlicher zu gestalten, um ihnen so zu einer größeren Wirkung zu verhelfen.

Für weitere Informationen stehen Ihnen zur Verfügung:

Periodenrechnung in ausgewählten Ländern der EU

Deutschland

Neben den kommunalen Regelungen des Haushaltsrechts wurden für Bund und Länder die Standards staatlicher Doppik erarbeitet. Durch das Gesetz zur Modernisierung des HGrG (HGrGMoG) wird erstmals zugelassen, dass die Haushaltswirtschaft des Bundes und der Länder in ihrem  Rechnungswesen  − alternativ zum bisherigen kameralen Rechnungswesen
− nach den Grundsätzen der staatlichen doppelten Buchführung (staatliche Doppik) gestaltet werden kann.

Die Standards werden jeweils durch Verwaltungsvorschriften des Bundes und der Länder umgesetzt. Die staatliche Doppik folgt gemäß § 7a HGrG den Vorschriften des Ersten und des Zweiten Abschnitts, Erster und Zweiter Unterabschnitt, des Dritten Buches Handelsgesetzbuch (HGB) und den Grundsätzen der ordnungsmäßigen Buchführung und Bilanzierung. 

Frankreich

In Frankreich fand von 2001 bis 2009 eine umfassende Reform des Haushaltsrechts statt. Auf der Ebene des Zentralstaats gelten nunmehr periodengerechte Rechnungsführungsstandards, die Bezüge zu den IPSAS/IAS  aufweisen (z.B. Standard 1, 3, 4,5, 6, 7, 8, 11,13,14,15, 16, 17, 18).  Ähnlich wie bei den IPSAS gibt es auch ein Rahmenkonzept, welches sich an die Standardsetzer richtet. Die Regelungen, insgesamt 19 Standards, stehen als Download in Englisch zur Verfügung.


Präsentation zur Umstellung der Rechnungslegung in Frankreich

Der Vortrag stellt die Umstellungsbemühungen Frankreichs hinsichtlich der Rechnungslegung und die damit verbundenen Erfahrungen besonders in Bezug zu IPSAS vor.

Großbritannien

In Großbritannien wurde bis 2000 die Kameralistik als Buchungssystem eingesetzt. Bis 2011 wurde das Rechnungswesen des öffentlichen Bereichs auf die Periodenrechnung umgestellt; Basis sind die "International Financial Reporting Standards" (IFRS). Die Rechtsgrundlage ist der "Goverment Resources and Accounting Act 2000". Über den nachfolgenden Link können Sie den Text einsehen.

Niederlande

Die holländischen Rechnungslegungsstandards für die Zentralstaatsebene (central government) orientieren sich an der Kameralistik (Comptabiliteitswet) und sie basieren auf den im privaten Sektor verwendeten Rechnungslegungsstandards. Auf der lokalen Ebene wird auf dieselben Standards zurückgegriffen. Allerdings wird die Form der Periodenrechnung angewandt.

In 2016 fand eine Aktualisierung des "Annual Accounts" der Niederlande statt. Den Download finden Sie hier:

Österreich

Die Republik Österreich orientiert sich bei der Haushaltsrechtsreform an den IPSAS. Beispielsweise wird das Vermögen und die Verbindlichkeiten des Bundes in kurz- und langfristig eingeteilt. In dem Geschäftsbericht des Bundes findet sich eine Tabelle, die den Umsetzungsstand der IPSAS zeigt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter diesem Link:

Spanien

Der spanische Staat ist auf drei Ebenen organisiert: 1 Zentralstaat, 17 Regionalregierungen und 8 108 Kommunen. Ein Rahmenkonzept (GAP – General Accounting Plan), das sich an IPSAS orientiert, fungiert als Grundlage für die gesetzlichen Regelungen aller drei Ebenen.  Diese unterscheiden sich daher in Bezug auf das Rechnungswesen nur geringfügig voneinander.

In Spanien ist die Regulierung des Rechnungswesens aufgeteilt auf das dem Wirtschaftsministerium unterstellte ICAC (Instituto de Contabilidad y Auditoría de Cuentas), welches sich mit der Regulierung der Privatwirtschaft befasst, und das dem Finanzministerium unterstellte IGAE (Intervención General de la Administración del Estado) für den öffentlichen Sektor. Das ICAC hatte sich 2007 entschieden, ein auf IAS/IFRS basierendes Rahmenkonzept für Unternehmen einzuführen, mit Sonderregelungen für kleine und mittlere Unternehmen. Daraufhin hat sich das IGAE im April 2010 mit dem IPSAS-basierten GAP für den öffentlichen Sektor dieser Stoßrichtung angeschlossen.

Malta

Im August 2017 hat Malta beschlossen von der Kameralistik auf die Periodenrechnung umzustellen.  Dabei wird auf die IPSAS umgestellt.  Der Zeitrahmen ist ambitioniert. Die Umstellung soll bis 2020 erfolgen. Weitere Informationen hier.

Literaturhinweise und Links

Bellanca, Sabrina ; Cultrera, Loredana ; Vermeylen, Guillaume: Analysis of Public Accounting Systems in the European Union. In: Research in World Economy Bd. 6 (2015), Nr. 3, S. 23-35.

Brusca, Isabel ; Caperchione, Eugenio ; Cohen, Sandra ; Manes Rossi, Francesca: Public Sector Accounting and Auditing in Europe. The Challenge of Harmonization. Houndmills [u.a.] : Palgrave Macmillan, 2015

Dabbicco, Giovanna: The Boundary of the Public Sector in National Accounts Versus IPSAS. In: STATISTIKA Bd. 95 (2015), Nr. 2, S. 17-32

Feschiyan, Daniela: The Process of Harmonization of Public Sector Accounting in the EU. In: Economic Alternatives, (2013), Nr. 4, S. 62-72

Die Schweiz hat in den letzten 20 Jahren auf allen staatlichen Ebenen das doppische Rechnungswesen eingeführt. Politik und Verwaltung sind kostenbewusster geworden und Ausgaben- und Schuldenbremsen verhindern die Verschiebung von Lasten auf künftige Generationen.

Prof. Dr. Ernst Buschor

Das neue doppische Haushalts- und Rechnungswesen ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer wirksamen Verwaltungssteuerung. Deshalb kommt seiner zielgerechten Ausgestaltung eine entscheidende Bedeutung zu.

Prof. Dr. Jürgen Gornas

Eine verbesserte Steuerung ist das Hauptziel des neuen Haushalts- und Rechnungswesens der Kommunen. Zweifelsfragen bei der Erstellung von Eröffnungsbilanzen und Jahresabschlüssen sollten deshalb nicht "technisch" gelöst werden. Vorrangig ist zu fragen, mit welcher Bilanzierungsalternative (im Rahmen des gesetzlich Zulässigen) die Steuerung am besten unterstützt werden kann.

Prof. Dr. Martin Richter

Privatwirtschaftliche Unternehmen verschiedenster Wirtschaftszweige können und müssen im Wesentlichen mit einem einheitlich geregelten externen Rechnungswesen auskommen. Vor diesem Hintergrund ist die sich entwickelnde Vielfalt an unterschiedlichen Regelungen im kommunalen Haushalts- und Rechnungswesen weder verständlich noch notwendig. Diese Uneinheitlichkeit erschwert erheblich den interkommunalen Erfahrungsaustausch und den interkommunalen Leistungsvergleich.

Prof. Dr. Andreas Lasar

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Aktuelle Veranstaltungen der KGSt

 26. - 27. November in Dortmund - Seminar Präsentieren von Controlling Daten 

 In der Regel sind in der Verwaltung zahlreiche Informationen aus dem Controlling grundsätzlich vorhanden. Die steuerungsrelevanten Daten werden aber nicht immer in dem Maße genutzt, wie es aus Sicht der Daten sammelnden Stellen wünschenswert wäre. Ein möglicher Grund dafür ist, dass das Controlling häufig als Zahlenfriedhof wahrgenommen wird. Die Daten werden eher zur Kenntnis genommen und nicht als Basis für zukunftsorientierte Entscheidungen genutzt.

Den steuerungsunterstützenden Stellen muss es gelingen, mehr Aufmerksamkeit mit dem Controlling zu erzeugen. Es gilt, relevante Controlling-Daten aus den Gesamtdaten herauszufiltern und adressatengerecht aufzubereiten. Dabei können Zahlen, Daten und Fakten über einen klugen Aufbau, interessante Inhalte und visuelle Anreize (z.B. mit Infografiken) das kommunale Berichtswesen sowie Präsentationen von und mit Controlling-Daten interessanter machen. Informationen dazu finden Sie hier.

18. - 22. November in Bonn - Seminar Controlling compact!

Der Lehrgang "Controlling compact" hat den Aufbau einer grundlegenden Methodenkompetenz zum Ziel. Die Wissensvermittlung erfolgt im Rahmen eines Planspiels (Kommune Eulenschlößchen). Über 5 Lehrgangstage hinweg werden zwei Gruppen (operativ und strategisch)ein kommunales Controlling-Konzept für die Beispielkommune aufbauen. Dabei werden bewährte Instrumente wie die Budgetierung, die Kosten- und Leistungsrechnung und der Aufbau eines Berichtswesens berücksichtigt. Ebenso angewendet und vermittelt werden Kenntnisse des Risikomanagements und des Risikocontrollings. Hier geht es zur Anmeldung.

Ansprechpartner

Bertelsmann Stiftung